top of page

Der MBTI: Zwischen Einblick und Alltagstauglichkeit

26. Jan. 2025
3 Min. Lesezeit



Vor einigen Jahren nahm ich an einem MBTI-Workshop teil. Es war Teil eines speziellen Programms für junge Praktikanten in einer grossen Bank, bei der ich damals angestellt war. Der Myers-Briggs-Typenindikator, wie der Test vollständig heisst, versprach tiefe Einblicke in die eigene Persönlichkeit und sollte uns zu besseren Teamplayern machen. Doch die Frage bleibt: War das wirklich mehr als ein netter Ausflug in die Welt der Selbstfindung?


Der Testtag

Der Tag begann mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis. Wir Praktikanten sassen in einem grossen Seminarraum und füllten pflichtbewusst den umfangreichen Fragebogen aus. Er wollte alles über uns wissen: ob wir lieber spontan handeln oder alles durchplanen, ob wir Entscheidungen nach Gefühl oder Logik treffen. Schon bald lagen die Ergebnisse vor. Plötzlich war ich ein „ENTP“ – eine Mischung aus extrovertiertem Denker und spontanem Innovator. Irgendwie schmeichelhaft, aber auch ein bisschen wie das Horoskop im Wirtschaftsteil.

Dann ging es an die Praxis: Wir wurden in Gruppen eingeteilt, angeblich so, dass die unterschiedlichen Typen sich ergänzen. Unsere Aufgabe war es, eine komplexe Problemstellung zu lösen. Tatsächlich funktionierte das Zusammenspiel erstaunlich gut. Während die einen Pläne schmiedeten, stürzten sich andere direkt ins Chaos und brachten dabei kreative Lösungen hervor. Ein Tag voller Harmonie – zumindest solange, bis der Workshop endete.

Doch es gab noch einen zweiten Teil: Diesmal wurden wir in Gruppen eingeteilt, die aus denselben Persönlichkeitstypen bestanden. Das Ergebnis? Reines Chaos. In einer entbrannte Gruppe ein echter Machtkampf um die Führung. Lautstarke Diskussionen, konkurrierende Ideen – am Ende gab es keine Lösung, sondern nur viel Lärm. Eine andere Gruppe hatte sichtlich Spass: Dort wurde unaufhörlich gelacht, aber die Aufgabe blieb ungelöst. Und dann gab es noch die Perfektionisten: Ihr Plakat war beeindruckend strukturiert, doch niemand wollte es präsentieren. Der Workshop zeigte uns, wie unterschiedlich wir ticken – aber auch, dass Gleich und Gleich sich manchmal eher blockiert als ergänzt.


Der Rückblick

Im Nachhinein fragte ich mich: Und jetzt? Obwohl der Workshop Spass gemacht hatte, war sein Einfluss auf den Arbeitsalltag gleich null. Niemand sprach je wieder über MBTI-Typen. Ob jemand ein „ENTP“ oder ein „ISFJ“ war, interessierte keine Menschenseele. Meetings liefen weiterhin nach Hierarchie, Zahlen und gelegentlichem Bauchgefühl ab. Hätte ich mich irgendwann auf meinen Typ berufen sollen? "Sorry, ich bin ein ENTP, ich brauche mehr kreative Freiheit!" Wäre vermutlich nicht gut angekommen.

Der wissenschaftliche Kontext

Der MBTI hat auch in der Wissenschaft einen schweren Stand. Obwohl er auf den Theorien von Carl Gustav Jung basiert, gilt er vielen Forschern als zu ungenau und vereinfachend. Menschen in starre Typen zu pressen, lässt wenig Raum für die feinen Nuancen der Persönlichkeit – oder für die Tatsache, dass wir uns im Laufe des Lebens verändern. Trotzdem hält sich der Test hartnäckig in der Unternehmenswelt. Vielleicht, weil er einfache Antworten auf komplexe Fragen liefert. Oder weil Manager solche Tools lieben, die die Zusammenarbeit vermeintlich optimieren, ohne wirklich tief in die Materie einzutauchen.


Fazit

Am Ende bleibt der MBTI eine nette Spielerei mit begrenztem Nutzen. Ja, er bietet Denkanstösse. Ja, er kann helfen, sich selbst besser zu verstehen. Aber seine Alltagstauglichkeit? Fragwürdig. 16 Typen sind einfach zu viele. Man muss schon jeden Typen bis ins kleinste Detail selber verstehen, um ihn in der sozialen Welt zu erkennen und dies braucht Zeit und ein trainiertes Gespür für die Typen. Natürlich lag man manchmal richtig, seinen Typen bei anderen wiederzuerkennen, aber meistens war dies auch nur ein Glücksfall. Der Test mag gut dazu sein, Gespräche anzustossen oder einen Workshop aufzulockern. Doch im hektischen Arbeitsleben von Excel-Tabellen, Deadlines und PowerPoint-Präsentationen verblassen die vier Buchstaben schnell.

Vielleicht liegt die wahre Stärke des MBTI darin, uns für einen Moment innehalten zu lassen. Uns selbst und andere durch eine neue Linse zu betrachten. Aber sobald der Alltag einsetzt, bleibt er eben genau das: ein Workshop-Gimmick. Legitimation erhält er nur durch hartgesottene, eingefleischte Fans, die es sich durch Training der Beobachtung zu eigen gemacht haben, für uns Normalsterbliche, die auch noch andere Interessen in der Welt haben, bleibt die Tür der Einsicht verschlossen.

 
 
 

Kommentare


bottom of page